© 2015 by Gianna Rutz aka. traveladdict
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      CHERNOBYL - UNTERWEGS IN PRIPJAT

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



    DIE VORGESCHICHTE
 

Die Katastrophe geschah in der Nacht vom 25. auf den 26. April 1986 während eines Tests. Die Betreiber des AKWs wollten prüfen, ob die Turbine bei einem Stromausfall noch genügend Restenergie für die Kühlwasserpumpen erzeugt. Um den Probelauf des Reaktors nicht zu unterbrechen, wurden die Sicherheitssysteme extra ausgeschaltet.

Für den Test musste der Reaktor auf 25 Prozent seiner Leistung heruntergefahren werden. Dieser Vorgang verlief aber nicht nach Plan: Die Leistung des Reaktors sank auf unter 1 Prozent. Der Reaktor musste wieder langsam hochgefahren werden. Doch 30 Sekunden nach Testbeginn wuchs die Leistung plötzlich schlagartig an.

Die Notabschaltung funktionierte nicht. In Sekundenbruchteilen stieg die Temperatur um ein Vielfaches an. So kam es dann zu einer heftigen Explosion. Das Dach des Reaktorgebäudes wurde weggesprengt. Bei rund 2000 Grad schmolzen auch die Brennelemente. Dann fing der Grafitmantel des Reaktors Feuer. In einem regelrechten Feuersturm wurden die radioaktiven Teile in die Atmosphäre gesogen und sammelten sich in den Wolken. Diese Wolken bewegten sich natürlich mit der Windrichtung und trugen die giftigen Partikel von Land zu Land weiter. Zu allem Pech fing es auch noch an zu regnen und viele Länder wurden dadurch verstrahlt, die Böden vergiftet.

Die ukrainische Regierung bekannte sich erst zum Unglück, als die Schweden 2 Tage danach erhöhte Strahlenwerte meldeten. In diesen 2 Tagen und den Aufräumtagen danach, erlitt die Bevölkerung schwere Schäden die von Krebserkrankungen bis hin zum Tod führten. Die gesamte Einwohnerschaft wurde dann innerhalb kürzester Zeit evakuiert und durfte nie mehr zurückkehren. Heute ist es für Auswertige illegal ohne Bewilligung in das Gebiet einzudringen. Wer erwischt wird, muss mit bis zu 10 Jahren Gefängnis rechnen. Rund 100 Bewohner von damals sind allerdings wieder zurückgekehrt und werden von der Regierung als Einwohner geduldet.

 

                                     

 

 

    DIE TOUR UND MEINE EINDRÜCKE
 

Frühmorgens um 08.00 Uhr des 06.05.2016 stehen meine Freunde und ich hinter dem Bahnhof Kiew bereit und versammeln uns für die Tour nach Tschernobyl. Mit dem Bus geht es dann aus der Hauptstadt raus und rund 2.5 Stunden Richtung Katastrophengebiet. Auf dem Weg in die Reaktor-Stadt müssen wir um durchzukommen an 3 Checkpoints unsere Pässe vorweisen. Die Zone ist nur mit offizieller Anmeldung durch einen Guide zugänglich.

Unser erster Halt ist ein Supermarkt in der Nähe von der im Jahre 1970 erschaffenen Stadt Prypjat. Nach einigen Schritten in den Wald sehe ich dort das total zerfallene und vor lauter Überwucherung fast unsichtbare Gebäude. Einen Schritt da rein zu wagen, scheint von aussen betrachtet fast unmöglich. Vorbei an den Sträuchern und Ästen schaffe ich es aber trotzdem und bewege mich Meter für Meter ins Innenleben des ehemaligen Shops. Unter meinen Füssen knacken die Scherben und Ziegelsteinstücke, die aufgesetzte Staubmaske über meinem Mund staut meinen Atem so sehr, dass meine Haut auf den Wangen davon ganz feucht wird. Der Duft des Staubes im Raum erinnert an den einer Baustelle wo gerade frisch betoniert wird. Die Räume sind düster und die Tapeten scheinen als hätten sie nach all den Jahren nicht mehr die Kraft an der Wand zu kleben. 10 Minuten Zeit bleiben uns für dieses Gebäude bevor uns die Tourleiterin zurückruft um weiter zu fahren. Angeblich ist es aufgrund der Einsturzgefahr verboten in die Gebäude einzudringen. Ob dies allerdings wirklich so der Wahrheit entspricht kann ich nicht sagen. Mir kommt das ganze Es-ist-verboten-aber-wir-machens-jetzt-trotzdem-Gehabe etwas gespielt vor. Trotzdem halten wir uns (die einen mehr, die anderen weniger) immer an die Zeit und fahren von Station zu Station.

Wer Angst vor Ruinen und gruseligen Puppen hat, sollte definitiv zu Hause bleiben, denn angekommen in einem Kindergarten, läuft es mir kalt über den Rücken als ich in den Raum mit all den Mittagschlafsbettchen trete und einen kleinen Schuh auf dem Fensterbrett entdecke. Gleichzeitig überfällt mich das Gefühl, dass hier einiges sehr inszeniert und überdramatisiert wirkt. So viel ich mich erinnere, musste keiner um sein Leben rennen sondern blieb nach der Katastrophe noch 2 Tage im Gebiet. Wie kann es also sein, dass da ein einzelner vermeintlich verloren gegangener Schuh liegt? Auf Nachfrage bei der Tourleiterin wird mein Verdacht bestätigt. Sie sagt mir, dass nicht alle Gegenstände Originale sind und manche extra für die Fotografen platziert wurden…

Die Zone scheint also eindeutig nicht nur als Ort der Erinnerungen, sondern auch als gewinnbringende Quelle zu dienen. Unsere Tour kostet für 2 Tage (inklusive Übernachtung und 3 Mahlzeiten in Tschernobyl) 250 Euro pro Person. Wenn man bedenkt, dass pro Gruppe ca. 10 Leute dabei sind und das Mindesteinkommen eines Ukrainers bei 250 Euro liegt, dann würde man meinen, dass diese Tourguides sich doch eine recht goldene Nase an uns verdienen. Die Realität sieht jedoch anders aus. Ein grosser Teil des Betrages geht an die Regierung und die Tourguides selbst übernachten nicht in unserem, sondern in einem Hotel wo es nur kaltes Wasser und keine Heizung gibt. Für das Team ist das jedoch okay so, denn einiges der Einnahmen geht dabei an die Kinder welche aufgrund der Nuklearkatastrophe krank sind und medizinische Hilfe benötigen. Für uns sind diese 250 Euro deshalb gut investiertes Geld. Wir gewinnen einen Einblick in Kindergärten, das Stadttheater, das Kino, die Primarschule und vieles mehr, werden ausgiebig verpflegt und bekommen 2er bis 4er Zimmer geboten.

Mit vielen Eindrücken im besagten Hotel angekommen, setzen wir uns noch ein wenig nach draussen und geniessen die Gespräche mit Leuten aus aller Welt oder Tschernobyls Arbeitern, die ebenso in dieser Residenz übernachten. Ihr Englisch lässt zu wünschen übrig, was ihnen und uns einen unglaublich lustigen und interessanten Abend beschert. Um uns tollen die Wildhunde und hoffen auf vom Abendessen zurückgebliebene Resten. Zu wissen, dass diese kontaminierten und kranken Wesen nie die Streicheleinheiten bekommen werden, die sie verdient hätten, tut mir im Herzen weh.
Als ich am Abend im Bett liege und mein Freund keine Rückmeldung mehr gibt weil er schon eingeschlafen ist, glaube ich vom Weiten das Heulen eines Wolfes zu hören. „Es ist schon unglaublich“ – denke ich mir. „Da liegt man mitten in einem von Leid geprägten Gebiet im Bett und die Natur ist so wunderschön, dass man wieder die Kindheitsgefühle von damals empfindet.“

Am nächsten Tag brechen wir nach dem Frühstück wieder auf und wagen die Fahrt zum hoch verstrahlten Kühlturm welcher nach der Explosion Hochbetrieb leisten musste. Der Geigenzähler schlägt aus. Einigen von uns wird mulmig, andere reden sich ein Schwindel zu verspüren. Im Grossen und Ganzen kann man sagen, dass die von hoher Strahlungen betroffenen Stellen Tschernobyls sehr punktuell (auf höchstens ein paar wenige Quadratcentimeter) vorhanden sind. Dieser hier ist einer davon… Das Gerücht, dass Tschernobyl schon ab dem ersten Checkpoint gefährlich wird ist absoluter Blödsinn. Erst in Prypjat selber messen wir erhöhte Werte und selbst diese sind tiefer als wenn man sich den Arm bricht und ein Röntgenbild machen muss.

Am späten Nachmittag haben wir langsam alle genug vom vielen Gehen und all den kaputten Gegenständen im Staub. Wir machen uns auf den Weg zurück nach Kiew. Auf der 2.5 stündigen Fahrt kommt es mir vor, als wäre unter all den Insassen ein abwechselnder Schlafdienst vereinbart worden. Sprechen mag keiner mehr so richtig. Liegt das an den Eindrücken oder einfach nur daran, dass alle müde und kaputt sind? Schwierig zu beurteilen.

 

    OB ICH DIE TOUR EMPFEHLEN KANN?
 

Für Leute die einfach nur sagen möchten, dass sie da waren: Ja klar!
Fotografen oder anderen welche sich seit Jahren mit dem Thema Tschernobyl befassen, würde ich allerdings raten, nicht zu viel zu erwarten… Das Gebiet ist wie gesagt nur mit einem Guide zugänglich… Eine öffentliche Tour bedeutet allerdings immer, dass man nicht alleine unterwegs ist und Regeln, sprich Zeitbegrenzungen aufgedrückt bekommt.

Wir hatten pro Gebäude maximal 20 Minuten Zeit es zu inspizieren. Nun weiss doch jeder Fotograf, dass es Zeit und Geduld braucht das passende Objekt ins Auge zu fassen. Ich hatte bei dem Stress jedoch kaum die Chance das Objektiv zu wechseln. Von den Gruppenmitgliedern die aus anderen Gründen kamen und mir immer vor die Linse sprangen möchte ich gar nicht erst anfangen… Der ganze Zeitdruck gibt einem auch gar nicht die Möglichkeit das ganze was dort passiert ist zu spüren und wahrzunehmen. Wer das Gebiet richtig ausgiebig durchforschen möchte, macht sich lieber schlau darüber ob es jemanden gibt der mit ihm alleine dahin gehen darf.

Leute mit Gelenkproblemen oder anderen körperlichen Defiziten sollten auf die Tour verzichten da man schon fit sein muss um so viel zu gehen.

Für Gamer wäre die Tour ein absolutes Highlight… Das ganze Game S.T.A.L.K.E.R. spielt sich (anscheinend) in Prypjat ab und soll laut meinen männlichen Tourmitgliedern sehr echt gemacht sein, sprich die Location im Originalen ist wirklich wie im Game! Sogar die Figuren welche da mitspielen gibt es. Sie arbeiten alle höchstpersönlich in der Zone. Dies kann man beim Film „Chernobyl Diaries“ nicht behaupten. Dieser ist nämlich sehr verfälscht und die meisten Drehorte befinden sich gar nicht in der Zone…

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

    DIE IDEALE VORBEREITUNG 

 

1. Ein Rucksack, Kleider und Schuhe die du nicht mehr brauchst sind absolute Bedingung. In Tschernobyl bewegst Du dich (auch wenn der grösste Teil nicht mehr so schlimm ist) in radioaktiven Zonen und solltest dabei nicht unbedingt Kleidung tragen welche Du danach noch anziehen möchtest.

2. Ja, es ist wichtig sich ausgiebig über Radioaktivität zu informieren, übertreib es dabei aber bitte nicht. Du willst doch nicht schon vom Placebo Effekt krank werden? Du kannst dich noch so sehr über die Folgen von Strahlung informieren und dir vorstellen wie du dich dagegen schützen möchtest, die Eindrücke vor Ort werden dich so einnehmen, dass der Schutz auch mal vergessen geht oder die Radioaktivität ausgeblendet wird. Gott sei Dank!

3. Es ist verboten Gegenstände in der Zone anzufassen. Die Gebäude sind allerdings sehr morsch und beschädigt. Du wirst dich das eine oder andere Mal an einer Wand oder einem Treppengeländer festhalten müssen. Wenn Du dabei Handschuhe trägst wirst Du dich bestimmt wohler fühlen. Zu einer Staubmaske würde ich ebenfalls raten. Am ersten Tag wird man dich dafür eventuell etwas verspotten. Lass dich aber nicht verunsichern! Du wirst sehen, dass am zweiten Tag plötzlich alle damit rumlaufen… Die Hände müssen übrigens trotz Handschuhen öfters gewaschen werden. Vermeide es, die Augen, Nase oder den Mund mit den Händen zu berühren.

4. Für Essen ist vor Ort gesorgt. Wer sich nicht traut davon zu essen, kann seine eigenen Sandwiches mitbringen. Dies ist aber gar nicht so einfach da es nur noch einen Shop vor dem ersten Checkpoint hat und viele Sachen dort schon länger übers Datum sind. Besorg am besten alle Fressalien in Kiew.

5. Wenn Du einen Geigenzähler besitzt, solltest Du diesen unbedingt mitnehmen. Es werden einige auf der Tour zwar angeboten, diese zeigen allerdings nur die Gammastrahlung an. „First come first serve“ heisst es zu Beginn.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                                           Vorher- Nachher Bilder von der Zone